Ausführung einer lebensgroßen Skulptur, in Auftrag gegeben von der Teeplantage Sorwathé Rwanda anl. des 30jährigen Jubiläums.
Montag, 7.März 2005, 07.30 Uhr, Kigali/Rwanda
Nach zwei Monaten sehr kreativer und sehr schwerer handwerklicher Arbeit ist es endlich soweit:
Der pickup mit dem Fahrer der Sorwathé S.A.R.L.Tea Plantation steht vor meinem Atelier. Mit Hilfe von acht afrikanischen Mitarbeitern wird das Unterteil des Monumentes, d.h. der Sockel mit den Beinen bis zur Hüfte (alles fest fixiert in einem stabilen Holzgerüst ), aufgeladen und festgebunden. Keine leichte Arbeit bei gut 300 kg Beton, doch wenn man sich an die alten Ägypter erinnert und die unglaubliche Leistung des Baues der Pyramiden, ist diese Aktion eine Kleinigkeit...
Viel schwieriger war dagegen das Transportieren der Skulptur vom Standort in meinem Atelier bis zur Vorderfront des Hauses gewesen, eine Aktion, die am Vortage fast vier Stunden und viele Nerven gekostet hatte.
Ebenfalls auf den pickup kommt der Torso, festgezurrt auf einer kräftigen Holzpalette, noch in seiner Gips-Gußform. Mir war das Risiko zu groß, daß der Beton innen noch nicht genug ausgehärtet sein könnte und der Abguß auf dem Transport evtl. Schaden erleiden würde.
Der Kopf, die beiden Arme mit den Händen sowie alles auf der Baustelle benötigte Bildhauerwerkzeug und sonstiges Material sind schon im zweiten Fahrzeug verstaut. Und so geht es dann um 08.30 Uhr von Kigali aus in Richtung Cyohoha, wo die Sorwathé Teeplantage ca. 95 km nordöstlich von Kigali in 2.100 m Höhe liegt. Es sind bis dahin ca. 60 km Asphaltstraße mit teilweise tiefen Schlaglöchern, der Rest ist Piste. Diese ist durch die Regenfälle der vergangenen Tage sehr schlammig, aber dafür weniger hart.
Gegen 12 Uhr sind wir auf der Plantage angekommen, alles hat gut geklappt. Ein kurzes lunch und dann gleich die nächste Herausforderung:
das Abladen des unteren Teils des Monumentes vom pickup und das anschließende Installieren auf den vorgesehenen Platz in der Lokomotive, auch wieder ein Nervenkitzel „à l’africaine“...
Doch Hans, der mir in den vergangenen Wochen mit großem Enthusiasmus, kühlem Kopf und Ingenieur-mäßigem Denken assistiert hat, hat auch diesmal wieder alles fest im Griff. Und so steht bald das Unterteil des Monumentes endlich auf seinem vorgesehenen Platz in der alten, liebevoll restaurierten Dampflok der East African Railway Company, Jahrgang 1920.
Der riesige Dampfkessel kam 1975 auf abenteuerlichem Wege von Mombasa über Nairobi nach Rwanda und diente bis vor ein paar Jahren zur Dampf-erzeugung, um die geernteten Teeblätter zu trocknen.
Die Idee für die Restaurierung der Lok durch einen Spezialisten aus Nairobi kommt von Cally Alles, dem srilankanischen Manager der Plantage. Und zum 30. Jahrestag der Gründung von Sorwathé in Rwanda soll eine lebensgroße Nachbildung von Plantagenbesitzer Joe Wertheim (als Lokomotiv- und Unternehmesführer) das Denkmal zieren.
Joe Wertheim ist 84 Jahre alt und größter Tee-Importeur der Vereinigten Staaten. Er ist unterwegs zur großen Feier nach Rwanda und hat nicht die geringste Ahnung von der Existenz seines „doubles“ in der Lok.
Die einzige Vorlage, die ich zur Realisierung des Monumentes zur Verfügung hatte, war ein kleines Portrait-Foto von Herrn Wertheim.
Soweit in Kürze zur Vorgeschichte...
Nun beginnt eine weitere Woche knochenharter Arbeit, denn die Zeit bis zur großen Feier am kommenden Freitag, den 11. März 2005 ist kurz.
In der Schreinerei, mitten zwischen geschäftigem Treiben an großen Sägemaschinen und Hobelbänken schlage ich den Betontorso aus seiner Gipsform, Lärm, Staub, riesige Holzbohlen werden um mich herum transportiert, Nerven, Nerven, Nerven....
In der Lok gibt es Probleme, die Stahlplattform des Tenders, der nachträglich angebaut wurde, ist zu schwach, so daß „Joe“ dauernd hin und her schwankt. Ich rufe den Schweißer, der dann unter die Plattform schwere, zusätzliche Stahlträger anschweißt.
Lärm, Unruhe, Angst, daß irgendwer irgendwo irgendwann an die Skulptur stößt. Und um das Ganze noch zu „verbessern“: kräftige Regenschauern mit Sturm, also schnell Konstruktion eines Schutzdaches aus Wellblech und ringsherum riesige Zeltplanen.
So geht der erste Tag auf der Baustelle zu Ende, bei Einbruch der Nacht kehren wir im guesthouse der Plantage ein, wo Koch Gerôme mit einem warmen Abendessen wartet. Ich bin erschöpft...
Und so geht es dann weiter, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, von 06.00 Uhr morgens bis 18.30 Uhr abends, nonstop...
Um die Lok herum laufen überall die Vorbereitungen für den großen Empfang, die Tribüne wird geschweißt und verkleidet, lange Tische werden geschreinert und gestrichen, es wird gekehrt und geputzt und aufgeräumt. Der gesamte hintere Teil der Lok ist mit Planen und Wellblech - Dächern verkleidet, denn Joe Wertheim ist seit Donnerstag auf der Plantage und darf natürlich nichts von seinem „Doppelgänger“ wissen.
Hans ist nach Kigali zurück, er hat Rufbereitschaft auf der Deutsche Welle Relaisstation, so bin ich mit meinem steinernen Freund allein.
Freitag, 11. März 2005 - Der große Tag!
Morgens vor 06.00 Uhr bin ich auf der Baustelle, die Sonne ist gerade aufgegangen und der Himmel ist blau, ein gutes Omen für den Tag. Um 10 Uhr habe ich dann meine Arbeit abgeschlossen, der Anstrich mit Acryl-Farbe ist fertig, das Monument erstrahlt in blendendem Weiß.
Schnell wird noch die Stahl-Konstruktion für die Enthüllungs-Zeremonie an der Lok außen angeschweißt, der grüne Seidenvorhang funktionsgerecht angebracht, alle Schutzplanen entfernt, die Wellblech - Dächer abgeflext. Und zum letzten Mal Lärm, Hektik, Staub, Dutzende von Arbeitern rein und raus aus der Lok.
Und immer die Angst, daß in letzter Minute noch etwas schief geht....
Doch um 12.30 Uhr ist dann alles fertig, das Monument steht unbeschädigt und imposant, ringsherum ist alles sauber bis hin zum letzten Zigarrettenstummel.
Die ersten geladenen Gäste, unter ihnen eine Anzahl Minister und Botschafter, treffen mit ihren offiziellen Wagen ein.
Hans ist wieder zurück und hat mir mein anderes outfit mitgebracht. Ich versuche, auf die Schnelle mein Erscheinungsbild vom Bildhauer in „dress code tenue de ville“ zu ändern, was mir auch bis auf die schmutzigen Fingernägel und einige Farbflecken an den Armen gut gelingt.
Die ca. 90 geladenen Gäste haben inzwischen im guesthouse drinnen und draußen Platz genommen, es gibt ein köstliches lunch - Bufett mit Spezialitäten aus dem Kongo. Cally‘s Frau Amithy hat wie immer alles wunderschön arrangiert.
Und um 15.00 Uhr ist es dann soweit:
alle Gäste und allen voran Joe Wertheim mit Sohn Andrew begeben sich zum Vorplatz der Fabrik, wo die Lokomotive steht. Dicker weißer Qualm quillt aus ihrem Schornstein.
Das Monument wird von 4 rwandischen Ministern enthüllt. Großer Beifall, Freude und Bewunderung, der „echte“ Joe Wertheim ist sehr beeindruckt und umarmt mich herzlich.
Dann begibt sich die ganze Gesellschaft auf die Tribüne, wo schon vorher hunderte von rwandischen Mitarbeitern Platz genommen haben.
Es folgt die Ansprache von Cally Alles, dem Manager. Er zieht ein kurzes Resumé über 30 Jahre Sorwathé und die Wichtigkeit der Teeplantage für die Provinz Kimihira und die Wirtschaft Rwandas, er spricht von Joe Wertheim und seinen Verdiensten, er lobt den Einsatz und die corporate identity seiner 2000 afrikanischen Mitarbeiter.
Dann werde ich auf das Podium gebeten und erhalte nochmals Lob und Aner-kennung für meine Arbeit.
Im Anschluß sprechen Joe Wertheim, der Präfekt von Byumba und der rwandische Wirtschaftsminister, verdiente Mitarbeiter von Sorwathé werden aufgerufen und erhalten Diplome und Geschenke aus der Hand des rwandischen Kultusministers.
Und zum großen Finale gibt es den Auftritt einer Gruppe von Intore-Tänzern in ihren traditionellen kriegerischen Kostümen, begleitet von den berühmten rwandischen Trommeln und anderen traditionellen Musikinstrumenten. Und über allem wölbt sich ein strahlend blauer afrikanischer Himmel mit dicken weißen Cumuluswolken.
Gegen 17.30 Uhr ist dann der offizielle Teil der Feier vorbei, die geladenen Gäste kehren nach Kigali zurück.
Wir nehmen noch zusammen mit Joe Wertheim einen sundowner auf der schönen Terrasse des Manager-Hauses im alten Kolonialstil. Am Horizont tauchen kurz einige der Virunga-Vulkane auf, die Sonne geht unter.
Ein großer Tag, ein großes Projekt, ein weiterer Meilenstein in meinem künstlerischen Leben...
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